Zauberkraft Mantrailing

Ich habe ja Anfang des Jahres mit“Eine Bulldogge beim Mantrailing“ über unser neues Hobby informiert. Hier im Video ist Rubeus Hagrid zu sehen bei seinem ersten Trail. Heute möchte ich noch etwas mehr über die „Zauberkraft Mantrailing“ berichten.

Das erste Mal

Ich hätte damals ja nicht darauf gewettet. MEIN Hund soll sich für Suchhundearbeit interessieren??? Rubeus, die phlegmatische und eher bequeme Plattnase? Kann der überhaupt riechen… und würde sich die unsichere Englische Bulldogge motivieren lassen, vorweg zu laufen und mich (zum „Opfer“ zu) zu führen? Wo meine Rübennase doch noch nicht mal beim Spaziergang richtig schnuppert….?

In den letzten 6 Monaten

… konnte ich nicht nur viel lernen über meinen Hund, er hat unglaublich viel an Selbstbewusstsein gewonnen und unsere Bindung wurde deutlich gestärkt. Ich kann ihn heute viel besser lesen und verstehen, als es vorher der Fall war. Er kann sich heute viel besser entspannen und er ist weniger unsicher als zuvor. Seine gelegentlichen Rückfälle in Schreckhaftigkeit, extrem nervöses oder depressiv anmutendes Verhalten sind selten geworden und nicht mehr ausgeprägt.

Und damit ist viel gewonnen:

Der deprivierte Rüde aus dem Auslandstierschutz, früher als Deckrüde in Vermehrerhaltung missbraucht) hat nicht viel, auf das er aufbauen konnte. Er ist zwar sehr sozial und freundlich. Ungewohnte Situationen bringen ihn jedoch schnell aus dem Konzept. Es ist vorgekommen, dass er selbst in *eigentlich* unproblematischen Situationen (wie dem Besuch bei einer Freundin) schon mal zitternd in der Ecke sitzt und sich höchstens in geduckter Körperhaltung fortbewegt.

Und es gibt ja so vieles, was mein Bully als Welpe nicht kennen lernen durfte. Niemand hat ihm gesagt, dass er ein toller Kerl ist und man auf ihn vertraut. Das ist nun anders. Heute darf er sogar vorgehen, weil man nur so – als Team – den zuvor versteckten Menschen finden kann.

Bei jedem Training erfährt er, dass er
  • ordentlich was kann
  • er mich führen kann
  • ich ihm vertraue und folge
  • ich lerne, ihn zu lesen
  • er von allen Seiten lieb angesprochen und gelobt wird
  • die Aufgaben langsam schwieriger werden, immer aber individuell angepasst sind

Jeder Trail endet positiv für den Hund, selbst wenn er oder ein anderer Hund mal einen schlechten Tag hat. An solchen Tagen kann man ihm etwas mehr Hilfestellung geben oder den zweiten Trail (wir machen aktuell immer zwei Trails, d.h. Suchaktionen pro Hund) entsprechend einfacher gestalten. Eine Belohnung (den so genannnten „Jackpot“, eine ganz besondere Leckerei) und Lob erhält er in jedem Fall, neben der eigenen Freude, dass er die Zielperson im Wald, am Bach, auf der Bank, hinter der Brücke etc. gefunden hat.

Das Mensch-Hund-Team

Da ich als Hundeführer nicht weiß, wo das „Opfer“ wenige Minuten zuvor versteckt wurde, bin ich ganz darauf angewiesen, seine feinen Signale zu lesen. Es gibt Hunde, die preschen voran und zeigen deutlich und entschieden an, wo es langgeht. Rubeus dagegen ist eher zaghaft, er geht meist nicht schnell und selten rennt er. Wobei sein Tempo in den letzten Wochen doch deutlich zunimmt… 😀 Er wird mal schneller, mal langsamer und er rückversichert sich gerne bei mir – bin ich noch richtig, soll das so, soll ich dich wirklich führen? Mach ich noch alles richtig??? Frauchen, wenn du willst, geh lieber voran…? 

Für mich ist es nicht immer ganz leicht, ihn vorlaufen zu lassen, ihn weder zu durch meine Präsenz zu schieben, noch ihn auszubremsen. Ist er unsicher, muss ich ihn in dem bestätigen, was er mir zuvor angezeigt hat. Die Signale sind manchmal sehr fein. Manchmal ist es ein Blick, manchmal eine schnelle Kopfbewegung.  Da hilft mir die Hundetrainerin, die uns bei jedem Trail folgt, den Hund liest und analysiert. Sie weiß, wo das Opfer ist und bringt mir bei, wie ich meinem Hund den Raum gebe, seine Aufgabe zu erfüllen. Dazu gehört auch die Wahnehmung der gezeigten Negativanzeigen. Der Hund untersucht ein bestimmtes Wegstück und stellt für sich fest: nein. Hier geht es definitiv nicht weiter.

Auch in diesen Momenten ist eine hohe Aufmerksamkeit vom Hundeführer gefragt: ihm danach weder im Weg zu stehen, noch abzuhalten von der wahrgenommenen Spur, seine Konzentration aufrecht zu erhalten und gegebenenfalls auch mal (über eine diskrete Info der Hundetrainerin) einen Tipp zu geben – das ist manchmal die hohe Kunst. Die Leine straff, aber nicht stramm in beiden Händen, den unsicheren Hund auch mal führen zu lassen, wenn er darauf besteht, neben mir zu gehen, meine eigene, visuelle Suche zu unterlassen und rein auf die Signale meines Hundes zu achten – das ist manchmal schwierig.

Herausforderungen

Es kann Irritationen oder kleine Konzentrationsstörungen, wenn uns mal jemand entgegen kommt, egal ob Auto, Jogger, Radfahrer, ein Reiter, andere Hundehalter mit ihren Tieren – oder wie bei uns neulich – ein ganzer Wanderverein. Es kann regnen oder heiß sein, Mantrailing ist Sport und erfordert auch von den Menschen ein wenig Fitness und geistige Beweglichkeit. Dazu kommt für den Hund die Herausforderung, dass, obwohl wir wöchentlich einen anderen Platz (rund um Lauenburg) zum Trailen nutzen, manche Spuren schon öfters genutzt wurden von den anderen Teams. Denn, ihr erinnert euch vielleicht, wir trailen mit einem Hund nach dem anderen. Alle Fellnasen, die gerade nicht dran sind, warten im Auto.

Die anderen Hundehalter, bleiben, wenn sie nicht gerade Opfer spielen, entweder bei den Autos oder folgen den Teams unauffällig mit etwas Abstand. Man kann sehr viel lernen durch die Beobachtung der anderen Teams.

Ich muss sagen, ich war beim letzten Mal schon sehr beeindruckt, dass mein Rubeus eine etwa 20 Minuten alte Duftspur vom Opfer unterscheiden konnten von der ganz aktuellen. Denn nachdem er mittlerweile nur noch einmal pro Trail an einem Kleidungsstück des Opfers riecht, reicht ihm das bloße Entlanggehen der Zielperson an einem Weg oder auch abseits, um diese wiederzufinden. Er hat in dem Fall die alte Spur bemerkt, dann aber ein Negativ angezeigt und die frischere Spur aufgenommen.

Fortgeschrittenere Hunde üben übrigens bereits in komplexeren oder fremderen Situationen und es gibt viele spannende Möglichkeiten, seinem Hund noch mehr abzuverlangen. Wenn wir das fortgeschrittene Level irgendwann erreichen, werde ich wieder berichten! 😉 Sicherlich kann ich das Erlebte sicherlich nicht so gut wiedergeben wie die beiden Hundetrainerinnen der Hund Mensch Uni in Echem.

Unsere zweite Englische Bulldogge, Rézi (ebenfalls eine gerettete Vermehrerhündin aus dem Auslandstierschutz) nimmt mit meinem Mann Arne ebenfalls mit großer Freude seit 6 Monaten teil. Mittlerweile kann ich sagen:

Natürlich können Bulldoggen Mantrailing!

Unterschätzt eure Hunde nie, sie sind vor allem eines: Hunde! Sie wollen riechen und traben und Erfolgserlebnisse haben. Sie wollen, dass wir ihnen etwas zutrauen und ihnen auch mal etwas abverlangen. Sie wollen sich mitteilen und mit uns zusammen Spaß haben. Ich wüsste aktuell nichts besseres für meine beiden Pupsnasen. 🙂

Denn darum geht es: Nicht um Leistung, sondern um Spaß und gemeinsames Erleben. Und was verbindet mehr?  

Mantrailing ist für jeden Hund geeignet, da das Training an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden kann. Ältere Hunde wie auch jüngere (ab vier Monate) und Hunde aller Rassen profitieren auf vielfache Weise von dem Training.

Was unternehmt ihr mit euren Hundefreunden, habt ihr eine tolle Aktivität für euch entdeckt?

Vielleicht erfreuen euch ja die in unserer Gruppe gemachten Fotos von der Hamburger Hundefotografin Fotografie Anna Uplegger, in jedem Fall kann man sehen, wie viel Spaß und Freude die Hunde (rund die Hälfte sind Tierschutznasen, die extrem durch diesen Hundesport profitieren) an der gemeinsamen Freizeitaktivität haben.

 

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3 Kommentare

  1. Hallo Silke, was für ein toller Bericht! Wir gehen mit unserem Hund seit Oktober 2016 zum Mantrailing. Eine absolut tolle Sache gerade für ängstliche, unsichere Hunde und die Fortschritte sind ja nun wirklich spür-, merk- und sichtbar, so wie bei euch auch! Unser kleinster Suchhund in der Gruppe ist ein kleiner Pinscher (so ca. 3,5 Kg-Hund). Es ist also wirklich für jede Hunderasse bzw. alle Mischlinge eine super Sache. Wir sind nach wie vor gerne dabei und werden auch weiterhin trailen gehen.

    • Liebe Antonietta,
      vielen lieben Dank, das freut mich sehr! Bei uns hat auch die gesamte Familie Spaß daran gefunden.
      Was ich gleich noch ergänzen will ist der Hinweis meiner Hundetrainerin: auch für ältere und ganz junge Hunde (ab 4 Monate) Hunde ist das eine tolle Sportart!

      Herzliche Grüße, schönes Wochenende!

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