Eine Bulldogge beim Mantrailing

Die Aufregung war groß! Am letzten Samstag hieß es bei uns:

Eine Bulldogge beim Mantrailing

Nach langem hin und her habe ich mich entschieden, es zu wagen: ich werde mit meiner Englischen Bulldogge nun regelmäßig zum Mantrailing-Kurs gehen. Ich möchte ihn körperlich, aber auch geistig fördern und mit ihm aktiv sein, Hundeschule alleine ist mir aber zu unregelmäßig und eintönig, andere Hundesportarten (wie Agility, CaniCross, SUP) erscheinen mir für meine Plattnase unpassend oder etwas zu anstrengend.

Anja Wilbs Fotografie

Ich möchte vor allem eines: er soll über die rein positive Bestärkung Freude an dieser neuen Aufgabe entwickeln und dadurch an Selbstbewusstsein gewinnen. Man sagte mir, dass man es langsam und ohne Erfolgsdruck angehen würde – und dass gerade unsichere und schreckhafte Hunde wie mein Rüde Rubeus (4, aus dem Auslandstierschutz) sehr von dieser Sportart profitieren und durch gezielte Erfolgserlebnisse an Selbstsicherheit gewinnen können.

Diese Form des Hundesports wird gerne den Haltern von ängstlichen und deprivierten Hunden empfohlen. Deprivation bedeutet kurz gesagt, der Hund hat in seiner frühen Entwicklungsphase zu wenig gesehen und erlebt und hat es auch als ausgewachsener Hund meist schwer, dieses Defizit zu überwinden. Dadurch reagieren diese Hunde häufig schnell gestresst, ängstlich oder unsicher. Ein weiteres Benefit: Der Hundehalter lernt, seinen Hund besser zu lesen und durch die Teamarbeit soll eine Stärkung der Bindung eine typische Folge sein. Klingt gut!

Können Plattnasen trailen? Ich habe inzwischen von einigen gehört, die dies bereits jahrelang sehr erfolgreich und begeistert tun! Uschi Knieling (trainiert bei Mantrailing Fun und Quality) schreibt mir:

Vor ca. zwei Jahren haben meine Bulldogge Jule und ich, das Leinenende, an einem Mantrailing Schnupperworkshop bei Mantrailing Fun & Quality teilgenommen und sind seitdem infiziert!!! Bei (fast) jeder Wetterlage erledigt meine Plattnase souverän und mit sichtbar viel Freude ihre Arbeit. Es ist erstaunlich mit anzusehen, wie der Hund an seinen Aufgaben wächst. Mir bringt es große Freude, mich von Jule führen zu lassen und in ihre Geruchswelt eintauchen zu dürfen….. Gänsehaut pur!!!!!

Sie ist deutlich selbstbewusster geworden und es bringt mächtig viel Spaß mit ihr im Team zusammen zu arbeiten. Fazit: auch mit einer Bulldogge ist Mantrailing möglich!

Und das soll mit einer Bulldogge gehen, die teilweise nicht mal Lust hat, spazieren zu gehen?

Ich denke ja! Natürlich gibt es bei einer Bulldogge, je nachdem wie stark sie überzüchtet ist, die eine oder andere Einschränkung: diese liegen aber eher im Bereich der Kondition (z.B. die Atemprobleme bei Wärme oder Anstrengung) Man muss die Touren entsprechend anpassen. Da das Training aber (zumindest hier bei der Mensch Hund Uni) immer individuell gestaltet wird, ist das gar kein Thema.

Wir kennen viele Bulldoggen, die nicht den Sinn erkennen an einer Runde im Kreis. Ist das Wetter doof, muss man sie teilweise nach draußen schieben. Die meisten unserer Bulldoggen könnte man eher als Stubenhocker beschreiben. Ich bin aber, gerade nach der ersten Erfahrung mit Rubeus der Meinung: wenn wir ihnen etwas wirklich spannendes anbieten und etwas wirklich verlockendes, wie den „Jackpot“ voller Leckerlis, dann sind sie schon mit Begeisterung dabei. Und weil ich keine Frau der halben Sachen bin, schleppe ich kommendes Mal Mann und Hündin ebenfalls mit – mal sehen, wie sie sich anstellen!

Die Vorbereitung

Nachdem ich einmal ohne Hund reinschnuppern und mitgehen durfte, wusste ich, was ich zu meinem ersten eigenen Trail mitbringen muss und was von uns erwartet wird. Ich habe also 3 Dosen mit einem „Super-Leckerli“ vorbereitet, dem Jackpot! Das heißt ,eigentlich braucht man nur 2 – aber da Rubeus „angetrailt“ wurde, hat er ausnahmsweise 3 Portionen gekriegt. Für dieses Mal habe ich Leberwurst mit einigen Scheiben weicher Banane – das lieb mein Rubeus! Das ist auch wichtig: denn der Hund soll seine Belohnung ganz besonders großartig finden.

Außerdem habe ich 2 Kotbeutel mit einer Geruchsprobe von mir vorbereitet. Ich habe also zwei alte Stofftaschentücher mehr als eine Stunde körpernah (unterm BH) getragen und sie in die Tüten getan und zugeknotet (damit können mich später die Hunde von zwei anderen Trailern aufspüren). Alternativ hätten ich aber beispielsweise auch eine Socke nehmen können oder einfach eine Tüte voll Atemluft. Denn jeder Hundehalter, der mit seinem Hund trailt, stellt sich dem Team hin und wieder als Zielperson zur Verfügung. Das heißt, man gibt dem aktiven Team seine Geruchsprobe, erhält im Tausch die Super-Leckerlis vom Halter (der kennt einen Hund ja am besten) und versteckt sich an vereinbarter Stelle. Danach wird der Hund nach einem suchen.

Ich war bei meinem Schnupperkurs in der Woche zuvor sehr gespannt, ob die Hunde das so hinkriegen und tief beeindruckt, dass die Duftspur eines Menschen derart intensiv ist, dass einem die Hunde mit etwas Übung leicht finden können. Der Schlüssel dazu ist meist der Halter: kann er die feinen Signale seines Hundes lesen und gibt er ihm den benötigten Raum? Denn der Hund führt das Team an und Herrchen oder Frauchen folgt ihm und greift nur ein, wenn der Hund abgelenkt wird. So waren wir bei meinem Schnuppertermin in der Lauenburger Innenstadt, es war Markttag und der Fischstand hatte auf die Hunde schon eine  stark anziehende Wirkung. Zudem sind gerade in den Innenstädten extrem viele ablenkende Duftspuren zu finden. Denn eines ist sicher, lernte ich: Mantrailing fordert den Hunden ein Höchstmaß an Konzentration ab und ist sehr anstrengend.

Desweiteren brauchte ich ein Hundegeschirr, in dem sich der Hund möglichst frei bewegen kann. Aktuell habe ich für meinen Hund ein schönes Ledergeschirr von Hunter, und dabei soll es auch erstmal bleiben. Vorteilhaft ist es, wenn man von vorne nach hinten umschnallen kann, damit der Hund den Start der Nasenarbeit erkennt und lernt, dass nun gearbeitet wird. Ich möchte vorerst kein spezielles Mantrailing-Geschirr kaufen und plane, mir stattdessen ein kleines Katzenglöckchen zuzulegen, welches nur zum Trailen an das Geschirr gehängt wird.

Man benötigt außerdem eine 10m lange Schleppleine. Besonders geeignet sind die neonfarbenen aus Biothane. Sie liegen sehr angenehm in der Hand, es brennt nicht, wenn der Hund mal unerwartet losstürmt, sie sind leicht zu reinigen und zu trocknen, auch wenn es draußen mal ungemütlich ist. Außerdem sieht man sie bereits von weiten und niemand stolpert versehentlich darüber. Das ist besonders wichtig, wenn man mal in der Innenstadt trailt, wo viele Menschen unterwegs sind. Diese kriege ich vorerst von der Hundeschule Hund Mensch Uni geliehen.

Ach ja, und eine Schüssel mit Wasser ist wichtig, so dass der Hund vor seinem Trail die Nasenschleimhäute noch einmal befeuchtet. Das hilft ihm später beim Schnuppern.

Ich selber brauche nur warme und strapazierfähige Kleidung und Stiefel, denn man versteckt sich ja (je nach eigener Fitness versteht sich) auch schon mal abseits der Wege, in einer Kuhle, auf einem Hochsitz oder klettert auf einem Baum. Und ein Auto: das ist nur nur sinnvoll für die vielen unterschiedlichen und teils abgelegenen Übungsorten. Die Hunde trailen normalerweise 2 kurze Strecken und werden danach wieder in den Wagen gebracht. Dort können sie sich ausruhen und verdauen, was sie eben gesehen, gelernt und erlebt haben. Das brauchen sie auch und die Hunde werden nacheinander trainiert, so dass auch jeder Hund die Zeit bekommt, die er benötigt. Aber es ist auch sehr interessant mitzugehen und zu lernen, was die anderen Halter besonders gut machen oder wo noch Lernbedarf besteht. Man lernt, begleitet durch den Trainer, die meist feinen Signale der Tiere zu lesen.

Die Durchführung

Auch heute bin ich erstmal einige Runden mitgegangen. Dabei habe ich bereits viel über Duftspuren, Geruchspartikel und den Geruchssinn von Hunden und ihren Signalen bei der Spürsuche gelernt.

Nachdem ich meinen Molosser Rubeus aus dem Auto geholt habe, habe ich ihm erstmal was zu trinken und ihm Gelegenheit zum entspannten herumschnuppern gegeben. Er durfte gucken, wonach das umgebende Waldstück riecht und der Parkplatz, an dem wir standen, genauso schnupperte er die Menschen ab und lernte alle vorhandenen Gerüche kennen. Alle Menschen waren freundlich und wertschätzend. Damit konnte er sich erstmal gut arrangieren. Dann wurde es ernst: ich durfte ihn „umschnallen“, für ihn also das noch fremde Signal, dass nun gearbeitet wird. Er bekam die Schleppleine angemacht und eine erste „Duftprobe“ (ein auf dem Boden in Richtung der Zielperson liegendes Kleidungsstück mit ihrem Geruch) der versteckten Person zu riechen. Später wird man dann mit entsprechenden Tüten mit Geruchsträger drin arbeiten, an denen der Hund kurz schnuppert.

Die Zielperson hatte sich unweit mit der Leckerlidose verborgen. Auf dem Weg zu ihr, hat sie insgesamt vier von ihr getragene Kleidungsstücke ausgelegt und sogar ein Stück auf dem Weg geschleift. Rubeus hat das Prinzip sofort verstanden und folgte erst dem Geruch, sah dann die Kleidungsstücke, reimte 1 und 1 zusammen und folgte der Duftspur auch abseits des Weges, hin zu der Zielperson. Stolz wie Bolle verschlang er seinen Leckerli-Jackpot. Es folgte ein weiterer Durchgang! Danach durfte er sich erstmal wieder ausruhen. Nach einer längeren Pause durfte ich hin noch mal aus dem Wagen holen und die Übung wurde noch einmal wiederholt. Dabei wurde er schon sicherer und  auch schneller. Für mich war es auf der kurzen Strecke einfach, ich konnte die Zielperson recht bald sehen und die Strecke war kurz, eher symbolisch. Denn bei den ersten Malen soll ja nur das Prinzip vermittelt werden, der Schwierigkeitsgrad der Aufgabe wird dann mit der Zeit immer weiter gesteigert.

Mein Eindruck

Was mir aber neu war: dieser kleine Drops, der erst seit 7 Monaten bei uns war und erst seit wenigen Wochen auch beim Gassigehen schnuppert, konnte so gut riechen und lernen und er konnte mir den richtigen Weg weisen. Ich war beeindruckt. Sowas kann mein Hund?! Toll! Ich wusste, bei dem Lerntempo würde ich bald nachlegen müssen, ich werde ihm im Laufschritt folgen und seine Signale genau lesen müssen. Ich darf nicht versuchen, mich einzumischen – der Hund wird über seine Nase den Weg finden. Der Hund, den ich hier seit Monaten wie ein Kleinkind hege und pflege, entwickelt seine vorhandenen, genialen Kompetenzen, von denen Menschen nur träumen können. Noch weiß er nicht, was er alles leisten kann, aber ich weiß es und ich glaube an ihn!

Natürlich ist hier alles spielerisch und ohne Leistungsdruck. Aber ist es nicht gut zu wissen, dass dieser kleine Hund eine Art Superkraft besitzt, und verloren gegangene Menschen (oder was auch immer) finden kann?

Das „Opfer“ wurde gefunden

Elke Stampehl, gleichzeitig Rubeus‘ erstes „Opfer“ und eine der beiden Trainerinnen schreibt dazu:

Zutiefst beeindruckend war meine frühere Begegnung mit Rubeus Hagrid. Ich war so bewegt, dass ich in der folgenden Nacht sogar von ihm träumte. Umso mehr habe ich mich gestern gefreut, als die Englische Bulldogge mit uns ihr erstes Mal getrailt hat.

Der ehemalige Deckrüde von einem rücksichtslosen Auslandsvermehrer hat in seinem früheren Leben nicht sehr viel Gutes erlebt. Gerade solche Deprivationshunde profitieren ungemein vom Trailen. Es stärkt die Bindung zu seinem Menschen und verleiht dem Tier Sicherheit. Rubeus hast sein erstes Mal toll gemeistert und war hinterher stolz wie Hagrid.

Mit hoch erhobener Rute (ja, das geht auch bei einer Bulldogge!) und stolz geschwellter Brust marschierte er vor uns her und zeigte uns, was für ein toller Typ er ist. Zu Recht! Danke Rubeus und Danke Silke, dass wir diesen Weg zusammen mit Euch gehen dürfen!

In diesem Sinne, liebe Bulldoggen-Halter: wenn ihr es noch nicht probiert habt, traut euch und euren Hunden mehr zu und probiert mal den einen oder anderen Hundesport aus, auch wenn andere (meist eher unwissend) meinen: „Eine Plattnase kann sowas doch gar nicht!

Wer sich einlesen möchte: hier ist ein günstiges Taschenbuch, welches einen guten ersten Eindruck über die wichtigsten Punkte vermittelt: Mantrailing für Einsteiger: Vom Trail-Azubi zum Mantrailer von Horst Harmke.

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