Mein Hund, der Einwanderer

Mein Hund, der Einwanderer: Macht Auslandstierschutz Sinn?

(c) ADOPTIEREN STATT KAUFEN – Europäische Tiernotrettung e.V.

Gassi-Runden um den eigenen Block sind längst internationale Veranstaltungen. Eine weggeworfene Zuchthündin aus Polen, ein ausrangierter spanischer Jagdhund, ein italienischer Tötungskandidat – Hunde aus dem Ausland, zumeist aus dem Tierschutz, gehören längst zum Tierbild in Deutschland dazu. Doch ist die „Auslandsadoption“ wirklich eine gute Tat oder nur Geldmacherei?

Horrorszenarien aus Tierheimen, Tötungsstation oder auch direkt von der Straße, in denen Tiere gequält oder getötet werden, finden sich tagtäglich auf sämtlichen Social Media Kanälen, seltener auch im Fernsehprogramm. Meist mit großem und nicht selten wütendem Echo der Internetcommunity. Handelt es sich dabei nur um einzelne, unglückliche Ausschnitte? Haben wir nicht selber genug notleidende Tiere?

Auslandshunde nehmen „unseren Hunden“ die Adoptionschance

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Noch immer sind die Zustände in vielen europäischen Ländern katastrophal und nicht annähernd vergleichbar mit deutschen Tierheimen und Gegebenheiten. Auch hier bei uns gibt es schwarze Schafe, schlechte Tierhalter und fragwürdige Einrichtungen. Doch sie sind nicht die Norm und vor allem nicht gesellschaftlich akzeptiert.

Ganz anders sieht das in vielen Nachbarländern aus. Und genau das ist der Grund, weshalb sich Tierschützer und Tierfreunde vermehrt in solchen Gegenden engagieren. Wer einmal selbst durch so eine Einrichtung gelaufen oder durch ein solches Land gefahren ist, der weiß um das unsagbare und häufig unnötige Leid, das ausrangierten Tieren in vielen europäischen Ländern erfährt. Es mag sein, das manch eine Organisation besonders leidvolle Bilder für Marketingzwecke ausschlachtet, doch am Ende des Tages ist es einfach so: Straßentiere in Süd- und Osteuropa leiden oft mehr, als wir uns vorstellen können. Gerade auch in Einrichtungen, deren Zustände in Deutschland nicht nur undenkbar sondern auch kriminell wären.

Gern wird angeführt, dass der Auslandstierschutz die Adoptionschancen der deutschen Tierheimtiere mindert, doch diese Argumentation lässt sich in der Realität nicht nachvollziehen.

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Es wird vergessen, dass nicht jede Familie aufgrund ihrer Lebens- und Wohnsituation „einfach so“ einen ungesehenen Hund aus dem Ausland adoptieren kann oder will. Vielen Menschen ist das Risiko einer „blinden“ Adoption, in der man das Tier erst kennen lernt, wenn man sich bereits entschieden hat, zu groß. Trotz teilweise guter Informationslagen über die Tiere, Fotos und Videos, findet die erste Begegnung eben doch erst am Tag der Adoption statt. Manch einer bevorzugt stattdessen lieber das örtliche Tierheim, um die Möglichkeit des vorherigen Kennenlernens wahrzunehmen. Beides hat seine Daseinsberechtigung.

Die Unvermittelbaren sind überall dieselben

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Wer durch deutsche Tierheime geht, wird außerdem schnell feststellen welche Tiere vor allem als „Sitzenbleiber“ gelten und besonders lang auf eine Adoption warten. Und das sind genau dieselben, wie auch im Ausland. Es sind die alten, großen, kranken, verhaltensauffälligen Hunde, Tiere die schwerer zu händeln sind oder zu den sogenannten Kampf- oder Listenhunden zählen. Nicht jeder Mensch fühlt sich für ein solches Tier gewachsen. Und immer ist die Adoption eines solchen Tieres für beteiligte Tierschützer wie ein Lottogewinn. Sie sind, so oder so, egal wo, wirklich selten. Die „normalen“ Hunde oder gar Welpen hingegen, kleine bis mittelgroße Tiere, Rasse- oder Modehunde allerdings können sich auch in Tierheimen selten vor Anfragen retten und sind zumeist weniger Stunden bis Tage vermittelt. – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Nicht selten besuchen Adoptionswillige vorab die Tierheime der Umgebung und finden dort einfach nicht den passenden Hund. Immer wieder auch hört man von unrealistischen Anforderungen an Adoptanten oder gar unfreundlichen bis desinteressiertem Tierheimpersonal, welches Interessenten abschreckt. Auch hiervon gibt es natürlich viele positive Ausnahmen, doch wer sich umhört, erfährt auch immer die Geschichten von Tierheimen bei denen man den Eindruck hat, sie würden die Tie-re lieber selber behalten.

Gute, deutsche Tierheime leisten sensationelle Arbeit – mit Erfolg

Ein großer Vorteil der hiesigen Tierheime und Tierschutzeinrichtungen ist die (zum Teil) städtische Förderung und Unterstützung durch Firmen, Paten und Spender. Teilweise leisten deutsche Einrichtungen bereits so erfolgreiche Arbeit, das Tierheimplätze leer bleiben, die sogar durch Auslandstiere belegt werden müssen, um das „Unternehmen Tierheim“ profitabel und wirtschaftlich auf Kurs zu halten.

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Umso absurder erscheint es da, ausländische- und inländische Tiere in Not als Konkurrenten und Tierschützer als Feinde zu betrachten. Eines haben nämlich alle gemeinsam: Sie suchen das ideale Mensch-Hund-Gespann für Tiere, denen dieses bisher verwehrt geblieben ist.

Nicht immer lässt sich das innerhalb der eigenen Landesgrenzen verwirklichen. Und möchte man wirklich entscheiden müssen, welches leidende Tier zuerst ein Zuhause „verdient?“ Kein Straßentier hat sich seine Nationalität, sein Heimatland oder seinen Aufenthaltsort so ausgesucht. Und wer in die Augen seines Tieres blickt, egal woher, weiß, dass in einer Mensch-Hund-Beziehung die Nationalität nun wirklich keine Rolle spielt.

Was Auslandstierschutz wirklich bewirkt

Nein, ganz sicher können ausländische Tierschutzvereine die Probleme ihrer Länder nicht in den Griff kriegen, indem sie alle notleidenden Hunde „nach Deutschland schiffen“, wie es zynisch gerne heißt. Für das einzelne Tier in Not ist diese Option häufig aber die einzige, ein lebenswertes Leben in Würde zu erreichen. Hier geht es dann aber nur um einen Einzelfall.

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Gleichzeitig ist jedes adoptierte Tier ein Tier weniger auf der Straße, welches sich unkontrolliert vermehrt. Und damit ein Gewinn für die gesamte Straßentierpopulation. Jahrzehnte des Betriebs von Tötungsstationen haben längst bewiesen, dass das alleinige töten von Tieren keine Lösung ist. Das sterilisieren jedoch schon. Und genau das geschieht – im seriösen Tierschutz – mit jedem Tier, welches in die Obhut der Tierschützer und später vielleicht in die Hände einer liebevollen Familie übergeben wird.

Die gesellschaftlichen und politischen Probleme vor Ort lassen sich nicht durch uns Deutsche ändern. Die Geschichte hat uns längst gelehrt, dass Konflikte nicht durch einmarschierende Fremde gelöst werden, die das Ruder an sich reißen.
Durch die Unterstützung der Tierschützer vor Ort, haben diese jedoch den Rücken frei und über-haupt erst die Möglichkeit, nachhaltig und langfristig an der Tierschutzproblematik zu arbeiten. Sie können Tiere vermitteln, Erfolgsgeschichten erzählen und zeigen, wie es auch gehen kann. Sie können die Straßen nach und nach „leerräumen“ und beweisen, dass Tierheime mit solidarischer Hilfe keine Endstation, sondern ein Zufluchtsort sind. Sie können aufklären und das schon bei den kleinsten, Kindergärten und Schulen zum Besuch einladen, die Bevölkerung vor Ort involvieren oder gar Arbeitsplätze schaffen. Doch ohne eine helfende Hand sind all diese Ideen, Projekte und Fortschritte für Tierschützer im Ausland, die meist keinerlei Unterstützung durch Gemeinde oder Staat erhalten, völlig undenkbar. Sie kämpfen um das nackte Überleben für sich selbst und ihre Schützlinge.

Ein Tier zu adoptieren macht Sinn – egal wo

Letztendlich spielt es überhaupt keine Rolle, woher ein adoptierter Hund stammt. Allein, dass er nicht beim Züchter „bestellt“ wird, sondern eine bewusste Adoption aus zweiter oder dritter Hand ist, hat eine Vorbildfunktion. Und auch wer sich für einen Hund vom Züchter entscheidet, darf das natürlich guten Gewissens tun. Schön ist aber, wenn er auch weiß, dass er eine Alternative hatte. Die vielleicht nicht passt und für die man sich bewusst nicht entschieden hat, aber eben bewusst. Und nicht, weil man keine andere Möglichkeit sah.

Jeder, der schon mal ein Tier adoptiert hat und damit später Freunde und Verwandte beeindruckt, einfach weil es so ein gutmütiges, schönes, liebes, lustiges Wesen ist, trotz oder gerade wegen sei-ner Vergangenheit, schärft das Bewusstsein dafür, dass es auch im Tierschutz großartige Familientiere gibt.

Wenn nur ein adoptiertes Tier, egal aus welchem Land, dafür sorgt, dass an irgendeiner Stelle, zu irgendeinem Zeitpunkt in dem Leben eines Menschen, sich genau dieser Mensch dafür entscheidet, einem so oder so ausrangierten Hund eine Chance zu geben, ist das ein Gewinn für alle Tiere im Tierschutz. Egal in welchem Land, egal in welcher Einrichtung.

Wir sollten aufhören nach Ländern oder Herkunftsort zu kategorisieren und einfach dankbar sein, für jedes Tier, das seinen Menschen findet. Es gibt so viele Brandherde im Tierschutz, dass jeder genau dort helfen und genau dort aktiv sein kann, wo er oder sie am besten ist.

Für die einen bedeutet das der wöchentliche Spaziergang mit einem deutschen Tierheimhund. Für jemand anderes ist es das Pflegen von Straßenkatzen an einem spanischen Urlaubsort. Das schöne ist ja, dass wir alle im gleichen Maße die Tierschutzwelt ein bisschen besser machen. Und darauf kommt es unterm Strich doch wirklich an.

Wir danken:

Gastbeitrag und Fotos von Tamara Krantz von ADOPTIEREN STATT KAUFEN – Europäische Tiernotrettung e.V.

 

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Ein Kommentar

  1. Ich hole Tiere aus deutschen und ausländischen Tierheimen engagiere mich aber zu 80 % im ausländischen Tierschutz. Diesen Tieren geht es wesentlich schlechter als in Deutschland.

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